19.05.2022 Ruth Weber las

Hervorgehoben

“Das Korsett”

19:30 Uhr in der Bibliothek in Speicher

Ein gelungener, interessanter Abend mit der Ostschweizer Autorin über das “Nichtreden” in Familien

Anna stirbt 106-jährig in einem Ausserrhoder Altersheim. Ihre Enkelin Lena denkt zurück an die Ferien, die sie als Kind bei den Grosseltern verbracht hat, an den Geruch der Wohnung, die sie mit Glück verbindet. Gleichzeitig wird ihr bewusst, dass sie über Anna und deren Sohn – Lenas Vater – nicht viel weiss, es sind ein paar Erinnerungen, nicht mehr. Lena macht sich auf die Suche. Auf die Suche nach Gründen für die Verschlossenheit der Grossmutter und die Wortlosigkeit des Vaters. Auf die Suche nach der Geschichte ihrer Familie, deren überschaubarer Alltag im Appenzeller Mittelland mit dramatischen Ereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts verbunden ist.
Geboren 1971, aufgewachsen in Oberriet, seit zwanzig Jahren wohnt sie mit ihrer Familie in Walzenhausen.
Publikumspreis, Literaturland Schreibwettbewerb, Amt für Kultur Appenzell Ausserrhoden.

den anschliessenden Apéro wurde erfreulich zugesprochen

Unterstützt von appenzell kulturell und Amt für Kultur Appenzell Ausserrhoden



Bewegendes Ereignis 31. 8. 21

Arno Camenisch liest in der Kanti Trogen auf Einladung der Bibliothek Speicher Trogen und der Kronengesellschaft Trogen – musikalisch begleitet von Roman Nowka

Wenn er liest, ist es wie Musik, Rhythmus, Sprache. Er spielt mit der Klangfarbe der Stimme, überraschenden Phrasierungen und ungewohnten Pausen. Wenn Arno Camenisch liest zieht er Menschen und Räume in seinen Bann, dann sehen wir die Bilder dieses Dorfes seiner Jugend, die Beiz der Tante, die Werkstatt des Grossvater, das Plateau oberhalb des Dorfes auf dem das Unfassbare passiert ist – vor bald 50 Jahren. Wir hören den noch jungen Rhein um die hausgrossen Felsblöcke rauschen, die Stille im Dorf, wenn die Totenglocke läutet. Wir spüren den Schmerz, die Trauer über einen unsagbaren Verlust und denken an unsere eigenen Verluste, spüren vergangenen Schmerz und lachen trotzdem, wenn die Knie vom Bueb butterweich werden, weil jetzt beim Besuch des alten Doktors sicherlich rauskommt, dass er der Tante eine Marylong geklaut hat, um sie mit den Freunden zu rauchen..

„Was wir zu sagen haben, war heute Abend auf der Bühne zu sehen und zu hören“, antwortet Arno Camensich auf ein versuchtes Interview. Er muss weiter. Heute liest er in Trogen, morgen in Ilanz, dann Luzern, Morges, Lindau… Er und Roman Nowka, der ihn auf der Gitarre begleitet, untermalt und in eine weitere Klangfarbe einbettet, haben kaum einen Tag frei und müssen früh auf den Zug.

Das Publikum, sichtlich ergriffen von der intensiven Stunde, dankt den beiden Künstlern mit viel Applaus, grossem Andrang am Bücher- CDTisch und freundlicher Beachtung des Kollektentopfes.

Arno Camenisch gibt seit 2009 beinahe im Jahresrhythmus beim Englerer Verlag seine Bücher heraus. Spätestens nach dem zweiten (Hinter dem Bahnhof) hatte er nicht nur die Kritik, sondern auch ein breites Publikum im deutschsprachigen Raum treu hinter sich. Aber er publizierte auch im “Harper’s Magazine” (New York) und in “Best European Fiction” (USA). Seine Texte wurden in über 20 Sprachen übersetzt und seine Lesungen führten ihn quer durch die Welt, von Hongkong über Moskau und Buenos Aires bis nach New York. Im März 2015 strahlte das Schweizer Fernsehen und 3sat den Dokumentarfilm “Arno Camenisch – Schreiben auf der Kante” aus.